«Jemand kann ein schickes Aussehen haben und trotzdem sehr bescheiden leben.»

von Corina*

Vor fünf Jahren trennte ich mich von meinem Ehemann. Ich hatte für ein Jahr mit ihm im Ausland gelebt und kam zurück in die Schweiz. Mit meinem kleinen Sohn musste ich hier wieder von Null anfangen – ohne jegliche Unterstützung von Familie oder Ex-Mann. Meine Mutter war gestorben, mein Vater krank und brauchte selbst Unterstützung. So ging ich zwei Tage nach meiner Rückkehr aufs Sozialamt. Ich war dankbar und froh, diese Möglichkeit zu haben. Bereits nach einer Woche erhielt ich Geld und begann, eine Wohnung zu suchen. Zu dieser Zeit «funktionierte» ich so gut es ging – wenn ich aber heute daran zurückdenke, kommen mir immer noch die Tränen.

Nach einem halben Jahr fand ich eine kleine Teilzeitstelle als Kinderbetreuerin in einem Fitness-Center. Als mein Sohn drei Jahre alt war, suchte ich eine feste Anstellung in meinem gelernten Beruf als Verkäuferin. Ich erinnere mich, wie mein RAV-Berater beim zweiten Treffen zu mir sagte: «Sie werden keine Stelle finden, Sie sind wegen ihres Kindes zu wenig flexibel!» Diese Erniedrigung liess ich mir nicht bieten und gab ihm zu verstehen, dass ich ihn kein drittes Mal sehen wolle! Ich fand dann schnell eine Stelle und musste wirklich nicht mehr hin.

Nun hatte ich zwei Jobs: als Kinderbetreuerin im Fitnesscenter und als Teilzeitverkäuferin in einer Boutique in Zürich. Meinen Arbeitgebern erzählte ich nicht, dass ich vom Sozialamt abhängig war. Ich wollte nicht abgestempelt werden. Meinen Sohn brachte ich morgens in eine Kindertagesstätte und abends musste ich zusätzliche Betreuung organisieren, da ich erst nach 19 Uhr heim kam.

Materielle Armut heisst für mich, aus Wenig das Beste machen; dabei wird man sehr kreativ im Denken. Leider war ich auch mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Wer vom Sozialamt abhängig ist, gilt in unserer Gesellschaft als faul, bequem, egoistisch, als jemand, der auf Kosten anderer lebt. Deshalb verspürte ich viel Scham für meine Situation. Als ich letztes Jahr zum ersten Mal mit meinem Sohn in die Ferien fahren konnte, kommentierte eine Bekannte: «Du kannst zufrieden sein: das Sozialamt zahlt dir sogar Ferien!» Dabei war ich damals gar nicht mehr vom Sozialamt abhängig! Ich wehrte mich: «Was weißt du, wer meine Ferien zahlt?» Viele Menschen haben falsche Bilder im Kopf und urteilen zu schnell. 

Wer mich nicht näher kannte, sah mir nicht an, dass ich vom Sozialamt abhängig war. In der Bekleidungsbranche ist es üblich, dass auch das Verkaufspersonal modisch und dem Angebot entsprechend angezogen ist. Als ich in dieser luxuriösen Boutique zu arbeiten begann, kaufte ich sehr vergünstigt ein Kleid aus ihrem Sortiment. Das zog ich dann immer zum Arbeiten an, kombiniert mit Kleidungsstücken von früher. Menschen nach der Kleidung zu beurteilen ist trügerisch: Jemand kann ein schickes Aussehen haben und trotzdem sehr bescheiden leben.

Da ich als Verkäuferin nicht genug Geld verdiente, um vom Sozialamt loszukommen, suchte ich nach Alternativen. Glücklicherweise lernte ich jemanden kennen, der eine neue Kindertagesstätte aufbaute und mir eine Praktikumsstelle mit anschliessender Lehre zur «Fachperson Betreuung» anbot. Da das Sozialamt keine Zweitausbildungen unterstützt, suchte ich Stipendien. Nach langem Hin und Her setzte ich mich durch und unterschrieb den Praktikumsvertrag ohne Einwilligung des Sozialamtes! Während des Praktikums durfte ich meinen Sohn zur Arbeit mitnehmen, was eine riesige Erleichterung war – das Organisieren und die Kosten der Kinderbetreuung fielen weg! Somit reduzierten sich auch die Zahlungen des Sozialamtes. Als ich bei Lehrbeginn die Stipendien erhielt, wurde ich ganz unabhängig.

Ich schaffte es dank meinem eisernem Willen und meiner Hartnäckigkeit. Dabei traf ich immer wieder auf Menschen, die mich auf meinem Weg motivierten und unterstützen. Wenn hingegen jemand sagte, «Das gelingt dir nie!», liess ich mich nicht einschüchtern und arbeitete weiter daran, bis ich mein Ziel erreichte.  

________________________________________________________________________________

*Corina (Name von der Redaktion geändert) ist 41 Jahre alt und wohnt mit ihrem siebenjährigen Sohn im Kanton Zürich. Zurzeit absolviert sie eine Zweitausbildung als Fachkraft Betreuung (FaBe) in einer Kindertagesstätte. Früher war sie 20 Jahre als Verkäuferin in verschiedenen exklusiven Kleiderboutiquen tätig.

 

Foto: Elisabeth Real

 

 

 

VOR 195 Tagen