«Mit 16 wollte ich nicht für 500 Fr. im Monat arbeiten gehen.»

von Denis*

Ich fühle mich eigentlich nicht arm. Vielleicht kann ich mir ein paar Dinge nicht leisten, die sich meine Kollegen leisten können: Für grössere Ausgaben wie etwa ein Paar Schuhe muss ich schon zwei drei Monate warten. In der Freizeit spiele ich Basketball mit meinen Freunden, oder gehe schwimmen. Wir grillieren oft. Ausgang kann ich mir höchstens einmal im Monat leisten. Aber Clubbing interessiert mich wenig.

Als Kind lebte ich bei meiner Mutter, denn meine Eltern sind geschieden. Sie arbeitete als Verkäuferin und konnte uns immer unterstützen. Mein Vater bezieht eine IV–Rente. Auch er hat mir nie einen Wunsch abgeschlagen.  

Doch als ich 12 Jahre alt war, wurde meine Mutter krank. Sie hatte Probleme mit den Nerven, musste ihre Arbeit aufgeben. Ich zog zu meinem Vater und wechselte die Schule. Mein Vater schaute immer, dass mir nichts fehlte – obwohl er dadurch auf vieles verzichten musste. Er versuchte, seine Geldsorgen vor mir zu verstecken. Es sah immer so aus, als sei es kein Problem für ihn, mir jeden Monat das Taschengeld hinzulegen. So unterschied ich mich in der Schule nicht von meinen Kollegen. 

Mein Vater spricht nicht gut Deutsch, deshalb habe ich für ihn Briefe übersetzt. Auch einen vom Betreibungsamt, aber was eine Betreibung genau bedeutet, verstand ich als kleiner Junge nicht. Erst mit der Zeit merkte ich, dass mein Vater finanziell sehr knapp dran war. Heute ist meine Situation schwieriger und ich kann mir nicht mehr alles leisten. Ich muss jetzt erst lernen, damit klar zu kommen.  

Mit 16 wollte ich nicht für nur 500 Franken im Monat arbeiten gehen. Andere waren auf dem Bau, verdienten 3000, 4000 Franken, das wollte ich auch. Ich dachte: «Die Lehre kann ich ja später machen...» Meinen Eltern sagte ich, dass ich zuerst mal arbeiten gehe und dann im nächsten Jahr eine Lehrstelle suchen würde. Ich habe es ausgenutzt, dass sie sich nicht auskennen, und ging auf Jobsuche statt eine Lehre zu beginnen.

Ich kam immer irgendwie durch, fand Temporärjobs, hier und dort, doch mit einer Festanstellung klappte es nie. Wer stellt schon jemanden ohne Lehrabschluss ein? Früher war mein Kopf immer irgendwo anders. Ich wollt raus, weg, reisen. Jetzt bin ich zwanzig und merke, dass mir für einen sicheren Job der Lehrabschluss und die Referenzen fehlen. Ich lebe am Existenzminimum. 

Als ich mit 18 noch kein geregeltes Einkommen hatte, musste ich aufs Sozialamt. Das Geld erhält man aber nicht einfach so: Ich musste arbeiten, in verschiedenen Beschäftigungsprogrammen. Dort flickte ich Velos oder arbeitete in der Schreinerei. Ich schrieb auch Bewerbungen, acht in der Woche. Aber es half nichts. Meine Kollegen wissen, dass ich vom Sozialamt lebe. Den Freunden meiner Eltern sage ich aber nichts. Ich möchte nicht, dass sie nachfragen und stochern. Es liegt ja nicht an meinen Eltern, dass ich keine Lehre gemacht habe.  

Jetzt geht es bei mir wieder etwas aufwärts. Ich weiss, ich habe es in der Hand, vom Sozialamt weg zu kommen. Ich spreche Leute auf Arbeitsmöglichkeiten an und bewerbe mich bei Temporärbüros. Mein Ziel ist es, eine feste Anstellung zu erhalten und nicht mehr am Existenzminimum leben zu müssen. Ich möchte gut über die Runden kommen, auch mal was auf die Seite legen. Früher sah ich immer das grosse Geld: 32 Franken Stundenlohn! Jetzt denke ich, lieber weniger verdienen, dafür etwas machen, was mir gefällt.

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*Denis (Name von der Redaktion geändert) ist 20 Jahre alt und wohnt mit seiner Mutter in Zürich.

 

Foto: Stefan Deuber

VOR 132 Tagen