«Armut in der Schweiz heisst, keine Freiheit zu haben.»

von Davide*

Meine Leidenschaft ist die Kunst. Ich habe versucht, von meiner Kunst zu leben und hatte verschiedene Jobs und Aufträge. Aber ich war vor einigen Jahren das erste Mal vom Sozialamt abhängig. Mein Bild «Letzte Hilfestation» entstand aus eine Vorahnung. Ich spürte, dass es wieder soweit kommen könnte. Als es dann soweit war, fühlte ich mich als Versager. Wie konnte es sein, dass ich schon wieder an diesem Punkt gelandet war?

Für einen neuen Job sollte ich einen Jugendlichen nach Sizilien begleiten, drei Monate lang. Plötzlich kam von meinem Arbeitgeber kein Geld mehr. Das Telefon nahm er nicht ab. So sass ich mit dem Jugendlichen in einem Kaff in Sizilien fest ohne nichts. Schlussendlich erhielt ich einen Flug zurück in die Schweiz, aber keinen Lohn. Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte ich keinen. Mein Bankkonto war auf Null. Also musste ich aufs Sozialamt.

Der Besuch auf dem Sozialamt machte mich jedes Mal fertig. Das Amt ist ein Gebäude aus Glas. Wenn Du dort aus dem Tram steigst, ist allen klar, wo du hingehst. Auch drinnen kann dich jeder sehen. So ist es, arm zu sein in der Schweiz: Einerseits ist die Armut versteckt, andererseits bist du als Armer total exponiert! Auf dem Amt erhielt ich Geld, aber moralisch geben sie dir keine Unterstützung, eher im Gegenteil. Sie sagen dir, was du zu tun hast – ohne Diskussion. Die Abhängigkeit raubte mir extrem viel positive Energie und Lebensfreude. Daher wollte ich auf keinen Fall wieder in die gleiche Situation gelangen. Mit dem Bild setzte ich mir selbst ein Mahnmal: «Ich muss wieder da raus kommen! Ich möchte derjenige sein, dem es gut geht, der sogar ein Nötli in den Hut geben kann!» Wichtig ist, weiterhin Träume zu haben, und zwar grosse. Nicht: «morgen möchte ich etwas Gutes essen» – nein – «morgen: New York!» Deshalb nannte ich das Bild «Letzte Hilfestation». Ich musste an mich glauben und an diesem Glauben festhalten – gerade auch in schwierigen Lebenssituationen.

Das Sozialamt gibt dir Geld, nicht zum Leben sondern zum Überleben. Du kaufst dir Trockenfutter: Linsen, Bohnen, Reis – zum Glück bin ich ein kreativer Koch! Gesunde, einheimische Produkte liegen nicht drin. Ich ging jeweils kurz vor halb sieben einkaufen, wenn die Sachen zum halben Preis angeboten werden. Ich wusste immer haargenau, wie viel Geld ich im Portemonnaie hatte. Manchmal traf ich meine Freunde auf ein Bier und sie schlugen vor, eine Pizza essen zu gehen. Dann schaute ich jeweils auf meine Uhr und sagte: «Oh schade, heute kann ich leider nicht, ich hab noch was vor…» Das Geld reicht wirklich nur fürs Minimum, da liegt nicht viel drin. Wie machst du das also in einer Stadt wie Zürich, wo alles so teuer ist? Ich zog mich zurück und blieb zu Hause. Ich wollte meine Armut anonym halten. Ich wollte mir für die Zukunft nichts verbauen. Stolz spielte hier sicher auch eine Rolle.

Als ich das zweite Mal beim Sozialamt war, hatte ich mehr Glück. Mein Sozialarbeiter machte mich auf eine Kunstausstellung zum Thema Armut aufmerksam, wo ich dieses Foto und weitere Bilder von mir ausstellen konnte. Da war ich wieder mutig und lud alle meine Freunde zur Ausstellung ein. Als sie kamen, sprach mich jedoch niemand auf das Thema an oder fragte, wie es mir ginge. Ich merkte, wie schwierig es ist, mit Menschen, die nicht betroffen sind, über Armut zu sprechen. Die Leute wollen gar nicht sehen, dass es Armut in der Schweiz gibt. 

Vom Sozialamt kann man sehr schnell abhängig werden, aber weg davon kommt man nur mit viel Mühe! Das zweite Mal war ich schneller draussen, nach acht, neun Monaten. Ich musste vor allem «ja» sagen. Du wählst nicht mehr: egal was dir geboten wird, du sagst ja. Ich nahm Jobs mit schlechten Arbeitsbedingungen an, die mich nicht interessierten. Ich sagte immer ja, hatte keine andere Wahl. Armut in der Schweiz heisst vor allem, keine Freiheit zu haben. 

Heute verdiene ich mein Geld als Koch mit einem 70%-Pensum. So bleibt Zeit für meine Kunst. Ich habe gelernt, mit wenig Geld auszukommen. Ende Monat bleibt nicht viel übrig, aber ich beklage mich nicht. Im Hinterkopf denke ich immer noch, es könnte wieder schlimmer kommen. Diese Angst ist in mir gespeichert und hilft, das Geld nur für wirklich Wichtiges auszugeben.

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*Davide (Name von der Redaktion geändert) ist
46 Jahre alt und wohnt mit seiner Partnerin in Zürich.

Foto: Vanessa Meier

VOR 86 Tagen